Text von Susanne Brandt-Stange

75 Jahre Oldesloer Singakademie

Bad Oldesloe. „Singen macht Freu(n)de lautete viele Jahre das Motto der Oldesloer Singakademie“, berichtete Hannelore Diercks auf der Jahreshauptversammlung und Jubiläumssitzung anlässlich des 75. Geburtstags der Singakademie von den nun schon historischen Anfängen des Chores. Die Ehrenvorsitzende des Chores ist selbst 20 Jahre lang für die Geschicke zuständig gewesen. Daher gab sie den vielen neu dazugekommenen Chorgeschwistern beim Jubiläum einen Einblick in die Chronik.

Vor 75 Jahren, im September 1946, wurde die Oldesloer Singakademie gegründet. Den anspruchsvollen Namen erhielt sie von dem „Städtischen Musikdirektor“ August König, der von der Stadt den Auftrag erhalten hatte, ein fröhliches Musikleben zu installieren. Er gründete außerdem einen Männerchor, einen Jugendchor und ein Instrumental-Orchester, die alle dem Städtischen Musikkreis angehörten. Die Ensembles sorgten für die musikalische Umrahmung städtischer Feste und entwickelten nach und nach ein Eigenleben mit individuellen Konzerten und Veranstaltungen.

So wurden im Naturtheater, dort, wo jetzt das Hallenbad steht, ganze Operetten aufgeführt. Karnevalssitzungen mit spitzfindigen Reden und schwungvoller Musik fanden im Oldesloer Hof, einem Hotel, statt. „Um 5 Uhr morgens aufstehen und für die Eintrittskarten Schlange stehen – so wichtig waren damals diese gemeinsamen Erlebnisse“, berichtete Hannelore Diercks auf der 75-Jahr-Feier des gemischten Chores.

Das „Einsingen der Weihnacht“ am Tag vor Heiligabend wurde schon 1947 aus der Taufe gehoben – vor dem Rathaus. Diese lebendige Tradition wird heute vor der Peter-Paul-Kirche weiter gepflegt. Der „Tag des Liedes“ wurde an der Freiluft, heute heißt es Open Air, auf dem Tannengrund gefeiert, dem Gelände des heutigen Schulzentrums in der Olivet-Allee. „Oldesloer Chöre singen für Oldesloe“ hieß eine Reihe von großen Konzerten in der Stormarnhalle.

Die Oldesloer Singakademie selbst führte neben Ständchen und dem Singen in den Altenheimen häufig zwei große Konzerte pro Jahr auf – eines im Sommer, das andere am vierten Advent. Und immer zum runden Jubiläum des Chores fand ein aufwendiges Konzert in festlichem Rahmen statt. So erklang zum 40. Jubiläum 1986 die „Vogelhochzeit“ in einer Bearbeitung in verschiedenen Musikstilen. Auch „Swing durch die Welt“ war ein Thema. 1988 gab der gemischte Chor zur 750-Jahr-Feier der Stadt Bad Oldesloe ein romantisches Konzert mit den Liebesliedern von Brahms.

Der 50. Geburtstag der Singakademie wurde 1996 unter der Leitung von Dorothea Albeck in der vollbesetzten Festhalle mit den „Hamburger Musikatzen“, einem weiblich besetzten Streichsextett, begangen. Dabei erklangen Lieder der 30er Jahre und Auszüge aus My Fair Lady. Im Jahr 2000 war der Chor an der Operngala in der Stormarnhalle beteiligt, bei der gemeinsam mit Solisten und dem Ensemble der Eutiner Festspiele unter der Leitung von Friedemann Johannes Wieland und der norddeutschen Kammerphilharmonie Opernlieder von Mozart, Verdi, Weber, Beethoven, Smetana erklangen. Nach Chorleiterwechseln zu Andis Paegle, heute Kirchenmusiker in Bargteheide, und Wladimir Majewski, heute Leiter eines Männerchores, stand dann erst 2007 ein Jubiläumskonzert zum 61. Jahrestag mit Chorleiterin Anna Weigandt/Klindworth an. Sie ist heute Leiterin von „Alive Gospelvoice“ in Flensburg. Damals führte sie den Chor durch ein romantisches Programm mit Swing- und Gospeleinsprengseln. Die Chorleiter der Singakademie der 75 vergangenen Jahre waren August König, Leberecht Klohs, Bruno Brückmann, Dorothea Albeck, Andis Paegle, Wladimir Majewski, Anna Weigandt/Klindworth und zuletzt Barbara Rupp.

Von 2013 bis Ende 2020 leitete Barbara Rupp aus Lübeck die Singakademie. In dieser Zeit veränderte der Chor sein Repertoire mehr hin zum Pop und Rock, weg vom Blattsingen hin zum auswendigen Vortrag, zum Teil mit Choreografie. Das letzte gemeinsame Konzert im November 2019 im KuB trug den Titel „Humor im Chor“ und zeigte die Singakademie von einer völlig neuen Seite. Während der Coronazeit probte der Chor anfangs mit Rupp per Streaming und teilweise auch Open Air vor einer Scheune in Pölitz. Im ersten Halbjahr 2021 sangen die Aktiven mit Richard Leisegang von dem Leipziger Vokalensemble „UNDUZO“ per Streaming. Diese Erfahrungen weckten völlig neue Fähigkeiten in den Singenden, vor allem im technischen Bereich. „Der Zusammenhalt des Chores in dieser ungewöhnlichen Zeit hat es leicht gemacht, sich nun wieder für Präsenzproben zu öffnen und den Mut für einen Neuanfang zu finden“, betont Anke Franz, die stellvertretende Vorsitzende.

Bei der Jubiläumsfeier wurden Andrea Boldt für 30 Jahre Singen in der OSA, wie die Oldesloer Singakademie von Eingeweihten genannt wird, und Susanne Brandt-Stange für 25 Jahre Singen geehrt. „Sie zählen damit zu den wenigen langjährigen Aktiven aus dem letzten Jahrhundert“, berichtet der Vorsitzende des Chores, Frank Dreiling, mit einem Augenzwinkern. „Der überwiegende Teil der heute in der Singakademie aktiven Sängerinnen und Sänger ist dank des modernen Repertoires erst in den letzten sechs bis acht Jahren in den gemischten Chor eingetreten.“ Entsprechend liegt das Alter der Singenden zwischen 35 und 62.

Foto: v.l. Andrea Boldt, 30 Jahre, und Susanne Brandt-Stange, 25 Jahre Singen in der Oldesloer Singakademie. In der Mitte Frank Dreiling, der Vorsitzende des Vereins.

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Text vom 16.3.2021 von Susanne Brandt-Stange

Bad Oldesloe. Die Oldesloer Singakademie geht mit ihrer Probenarbeit im 75. Jahr des Bestehens neue Wege. Die Sängerinnen und Sänger des gemischten Chores testen die Möglichkeiten des Chorgesangs via Internet und lernen dabei seit Jahresbeginn neue Musiker kennen. Richard Leisegang, in Leipzig lebender Songschreiber und Organisator der Vocalband „Unduzo“, arbeitet seit Februar mit viel Spaß und innovativen Ideen mit den Choraktiven.

Richard Leisegang in Action

Im Januar war es der studierte Gesangspädagoge und Atem-, Sprech- und Stimmlehrer Tobias Schlosser aus Bad Nenndorf, bei dem auch mal auf dem Kamm geblasen wurde. Das Ziel dieser Zusammenarbeit mit wechselnden Chorleitern ist, den Spaß am Singen wachzuhalten, die Stimmen zu pflegen und die Gemeinschaft zu fördern, bis es wieder möglich ist, gemeinsam draußen oder in einem Probenraum die Stimmen erklingen zu lassen. Sobald Präsenzproben wieder erlaubt sind, lernen die Chorgeschwister neue Chorleitende aus der näheren Umgebung kennen, um sich dann für eine feste Person zu entscheiden. Zum Glück warten schon einige Interessenten darauf, sich vorstellen zu dürfen.

Das Jubiläumsjahr der Oldesloer Singakademie ist den 40 Sängerinnen und Sängern sehr wichtig. „Wir lassen uns von Corona nicht unterkriegen. Das Gemeinschaftsgefühl ist groß, auch wenn wir nicht auftreten dürfen“, betont Frank Dreiling, der Vorsitzende des Vereins. So findet im August auf jeden Fall ein Chorwochenende am Koppelsberg statt – mit Gesang oder mit anderen Aktionen. „Sobald geprobt werden darf, stehen wir wieder vor der Scheune in Pölitz und tragen unser elektrisches Klavier dorthin, wie schon im letzten Sommer. Und dann wird auch hoffentlich bald wieder das Singen im Gemeindesaal am Moordamm möglich sein.“ Mit ein wenig Glück kann die Singakademie im Frühherbst ein kurzes Terrassenkonzert mit Stücken aus dem Repertoire des Chores quer durch Klassik, Pop und Swing präsentieren. Außerdem plant der Chor ein YouTube-Video nach dem Vorbild der Deutschen Chorjugend.

Ob Stammtisch, Sommerausflug, Alt-Kaffee oder Sopran-Nachmittag – die Oldesloer Singakademie steht in den Startlöchern, um gemeinsame Aktionen wie in den Vorjahren wieder aufleben zu lassen. Auch der Kontakt zu anderen Chören und das Netzwerken innerhalb der Musikszene werden großgeschrieben. „Vor allem hoffen wir, dass wir zu Weihnachten wieder alle zusammen singen dürfen, egal, ob im Konzert oder beim Einsingen der Weihnacht“, betont Anke Franz, die stellvertretende Vorsitzende.

Im Moment stehen die Proben mit Richard Leisegang im Mittelpunkt des Chorlebens. Dabei arbeitet Leisegang mit Zoom, einer Software, die für die Konferenz großer Gruppen gedacht ist. Der studierte klassische Sänger und Lehrer für Musik nutzt dabei die Stärken der Internet-Konferenz und vertraut auf die Selbstlernfähigkeit der Teilnehmenden. Im Konferenzmodus kann jeder etwas darüber sagen, wie es ihm geht oder es in den Chat schreiben. Im Lehrmodus mit ausgeschalteten Teilnehmer-Mikrofonen gibt Leisegang die Anleitung zu Körper- und Stimmübungen. Bei geteiltem Bildschirm werden Texte wie die vom „Wellerman“ individuell mitgesungen. In Breakout-Rooms, kleinen Untergruppen, üben die einzelnen Stimmgruppen kurze Abschnitte des neuen Liedes „Schatten“ miteinander. Hier ist gelegentlich auch gemeinsames Singen möglich, trotz der Latenzzeit zwischen den Teilnehmern. Zwischendurch beschäftigen sich die Chorsänger individuell mit Midifiles, um dem gewünschten Klang nachzueifern, oder stellen sich mit Hilfe von Audiation die Melodie beim Anblick der Noten einfach nur vor. Zum Abschluss gibt es immer einen Rausschmeißer – gängige Songs zum Mitsingen. „Und danach darf noch im Zoomraum geplaudert werden – endlich wieder Gruppentratsch!“ freut sich Susanne Brandt-Stange, Altistin.

Infos: Der Bariton Richard Leisegang steht seit 2009 mit der Vocalband „Unduzo“ auf der Bühne. A-cappella in den zahlreichen Facetten der Popmusik ist das Werkzeug der Band, um die eigenen Ideen auf die Bühne zu bringen. Unterschiedliche Stilarten des Singens greifen mit Beatbox und live-geloopten Linien ineinander. Mal skurril, mal lyrisch und liebend gerne mit einem Augenzwinkern. Simon Carrington, Gründer der King’s Singers, sagt über „Unduzo“: „Very accomplished, plenty of colors, … cool and groovy“

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Am 16. Juli 2016 fand in der Festhalle Bad Oldesloe ein großes Jubiläumskonzert zum 70. Geburtstag der Oldesloer Singakademie statt.

 

1945 gab es noch kein Fernsehen, die Radiosender wurden erst nach und nach von Propaganda auf Unterhaltung umgestellt, im Kino lief vor dem einen Hauptfilm die „Wochenschau“, Theatergebäude mussten erst wieder renoviert und ausgestattet werden, Vereine aller Art waren über Jahre verboten gewesen. In dieser „kulturlosen“ Zeit war das Bedürfnis der Menschen nach fröhlicher Unterhaltung groß. Der alte Oldesloer Männerchor wollte wieder aktiv werden und suchte sich einen Dirigenten.

August König wurde dazu nach Bad Oldesloe geholt und als Städtischer Musikdirektor eingestellt. Tatkräftig erweckte er nicht nur das Singen im Männerchor wieder zum Leben, sondern er gründete einen Jugendchor, eine „Pfeifer“-Gruppe (Vorläufer der Spielmannszüge) und einen gemischten Chor – die Oldesloer Singakademie.

Im Archiv sind 125 Frauen und Männern verzeichnet, die damals dringend muntere Lieder singen wollten. Unter der Leitung von August König wurden Konzerte auf dem Marktplatz und im heutigen „Oldesloer Hof“ aufgeführt.

Die Oldesloer Singakademie feierte 10jähriges, 20jähriges, 30jähriges, 40jähriges, 50jähriges und 61jähriges Bestehen – immer mit großen Konzerten, zuletzt in der Festhalle in Bad Oldesloe. 2016 steht das 70jährige an.

Bis dahin wird die Singakademie auf eine Reihe von Chorleitern zurückblicken können. Den Beginn machte 1946 August König, darauf folgten Bruno Brückmann, Wilhelm Albeck, Dorothea Albeck (für 25 Jahre – als Highlight zu nennen ist die Opern-Gala 2000) und der Lette Andis Paegle (bis zum Jahreswechsel 2005/2006), der einmal einen befreundeten lettischen Chor zu einem gemeinsamen Konzert eingeladen hatte. Ein kurzes Zwischenspiel gab Waldemar Majewski (bis Juli 2006), so dass das 60jährige Bestehen leider nicht mit einem Konzert gekrönt werden konnte. Aber danach wendete sich das Blatt wieder und wir konnten uns sechs Jahre lang zusammen mit der jungen Musikstudentin Anna Lisa Weigandt zu einem romantischen Chor entwickeln, bis diese ins Referendariat im Lehramt wechselte. Von Albeck bis Weigandt lag die Zahl der aktiven Mitglieder über Jahre hinweg mit einer sanften Fluktuation kurz über 30.

Der letzte Wechsel ist uns noch gut in Erinnerung. Im Sommer 2012 fanden Barbara Rupp und die Oldesloer Singakademie zusammen. „Zum Glück hat der gemischte Chor die Lübecker Chorleiterin Barbara Rupp (50) für sich gewinnen können. Die studierte klassische Sängerin und Gesangspädagogin wechselte nach Jahren der sängerischen Tätigkeit vor einiger Zeit auf die Seite der Ausbildung von Pop- und Jazzsängern. Mehrere Ensembles, wie „Intakt“, den „Jazzchor Lübeck“ und „Sheswing Braunschweig“, hat sie gegründet und schnell zur Aufführungsreife gebracht. Jetzt beginnt mit der Oldesloer Singakademie ein neuer Abschnitt. Dieser Traditionschor mit Sängerinnen und Sängern zwischen 35 und 80 hat schon ein reiches Repertoire und ein gewisses Eigenleben, auf das Barbara Rupp geschickt einzugehen weiß.“ So hieß es damals in der Presseerklärung zum Probenbeginn.

Barbara Rupp selbst schreibt im Internet: „Wenn die vielen Menschen in meinem Chor plötzlich begreifen, was ich meine, auf einmal ganz unerwartet präsent sind, es hin kriegen und zusammen Musik machen, dann kommt die Gänsehaut und es berührt mich, wie nichts sonst mich berühren kann.“ Diese Faszination bleibt bei ihren Sängern nicht unbemerkt. „Wir freuen uns, dass die Singakademie von dieser Profi-Chorleiterin in Zukunft ganz neu gefordert wird“, beschreibt der Vorsitzende Wolfgang Claus 2012 die Stimmung im Chor.